Koh Yao Noi (1)

2010
08.18

So stelle ich mir Koh Yao Noi vor:
Die Insel hat grüne Hügel, die sich eher unspektakulär aus einer Türkis schimmernden See erheben.
Ein Saum von Kokospalmen, der sich beim Näherkommen auffächert und flache Hütten hervortreten lässt. Ich denke an Holzstreben, dunkel angelaufene Betonquader, gewelltes Blech. Gelbe Sandstrände, von Mangrovenwäldern unterbrochen. Kautschukplantagen im Inselinneren. Wasserbüffel am Rand von Reisfeldern. Reste von Regenwald auf den Hügeln. Schwärme bunter Vögel. Fremde Laute. Die Mahnung des Adhan über allem, das einschüchternde La ilaha illa llah, bekräftigt durch einen blechernen langgezogenen Widerhall aus ungezählten Lautsprechern.
Ich weiß von meiner Freundin Bohm, die mich am Pier von Koh Yao Noi erwartet: Fast jeder dort ist Muslim. Ich kenne das von Krabi.

Ich habe es mir an der Landungsbrücke von Thalen bequem gemacht und warte auf die Fähre.

Augenscheinlich bin ich der einzige Fremde hier, sonst scheinen sich alle zu kennen. Gruppen kraushaariger sonnengebräunter Männer vertreiben sich scherzend die Zeit. Wortfetzen fliegen zu mir herüber, und auch wenn mich anscheinend niemand beobachtet weiss ich doch ich werde aus den Augenwinkeln heraus gemustert. Keine meiner Bewegungen bleibt unbemerkt.

Auch die Ziegen beobachten mich. Ihnen bin ich nicht geheuer. Sobald ich aufstehe meckern sie und wenden sich zur Flucht. Man hat ihnen nur Raum für ein kurzes Zappeln gelassen, dann sinken sie hilflos und ergeben in ihre kauernde Haltung zurück: sie sind in Reissäcke eingebunden. Sie können nicht anders. Nur die Köpfe schauen heraus, die sie zusammenstecken, das mildert die Angst.

Vor mir also Koh Yao Noi, ein blaugrünes Band am Horizont. Viele andere Inseln gibt es westlich von hier, mir ist noch nicht klar, wo Koh Yao Noi beginnt und wo die größere Schwesterinsel Koh Yao Yai endet.
Ich will an den Rand des Stegs, das Licht ist gut für ein paar Fotos. Ich stehe auf, was die Ziegen mit panischem Blöken und einem Fluchtversuch quittieren und mir neugierige Blicke der kraushaarigen Einheimischen einträgt. Man lacht, die Ziegen versöhnen sich mit ihrem Reissackschicksal und legen wieder eingeschüchtert die Köpfe zusammen. Die Fotos sind gemacht, und jetzt löst sich doch einer aus der kraushaarigen Menge und ruft mir etwas in Thai, dann in Englisch zu. Ich frage ihn nach der Fähre, aber er versteht mich nicht und sagt nur: „Egypt!“, dabei auf seinen Freund weisend, der sich halb lachend, halb verschämt wegdreht. Ich wiederhole Koh Yao Noi und Ferry, er aber bleibt bei Egypt, und ich halte es für klug, darauf einzugehen. „Egypt!“ wiederhole ich, seinem Freund verständnisvoll und nichtsahnend zunickend, doch jetzt wird klar, man hat etwas Verbindendes zwischen mir, dem hochgewachsenen Farang aus einer unbekannten Ferne und dem einzigen reiseerfahrenen Einheimischen gefunden. Egypt! Er war einmal in Ägypten! Das bestätigt er mir nun in gebrochenem Englisch, und mir bleibt noch Zeit für einige kurze Sätze, bis die ganze Aufmerksamkeit auf die unglücklichen Ziegen übergeht, die sich wild blökend in ihren Reissäcken drehen. Ein Fischerboot hat den Steg mit einem Dutzend Passagiere überschwemmt, es ist laut und ungewöhnlich hektisch geworden, und da das die Fähre nach Koh Yao Noi zu sein scheint kann ich mit meinem neu gewonnen Freund nicht mehr Zeit in Egypt verbringen.

Ich bin der einzige Passagier.
Die See ist ruhig als wir ablegen, der Horizont voller Versprechen.

Was hinter uns verschwindet –Landungsbrücke, Mangrovenwald, Egypt – wird nun Teil eines erstaunlichen Ganzen. Alles Bekannte verschmilzt mit dem Entfernten – den hinter dem Pier, dem Mangrovensaum, der Küste liegenden Bergen – zu neuen eigenwilligen Formen, die schon nach wenigen Minuten Fahrt ähnlich fremd und verheißend wirken wie die blaugrünen Inseln vor uns.
Doch dort, vor uns, werde ich erwartet. Das zählt.

Fortsetzung folgt …

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